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Narrenfreiheit oder Saufgelage?

Wie der Karneval seine Seele an den Alkohol verlor

Einst war der Karneval das Ventil der Unterdrückten, eine Zeit, in der die einfache Bevölkerung den Mächtigen ungestraft den Spiegel vorhalten konnte. Doch wer heute durch die Straßen von Köln, Mainz oder Düsseldorf zieht, sucht den politischen Protest oft vergebens. Was geblieben ist, ist eine hohle Hülle aus buntem Polyester, ohrenbetäubendem Schlager und einer hemmungslosen Sauferei, die jeden Funken von kritischem Geist im Keim erstickt. Der Karneval hat sich von einer subversiven Kulturform zu einem kommerziellen Massenbesäufnis entwickelt, das mehr mit dem Ballermann als mit bürgerlichem Widerstand zu tun hat.


Vom politischen Widerstand zum kollektiven Blackout

Historisch gesehen war die „Fünfte Jahreszeit“ ein hochpolitisches Ereignis. Die Garden in ihren bunten Uniformen waren eine Persiflage auf das preußische Militär; die Büttenreden waren scharfe Analysen gesellschaftlicher Missstände.

  • Saufen statt Denken: Heute scheint das Ziel vieler Narren nicht mehr die satirische Zuspitzung, sondern der totale Realitätsverlust durch Alkohol zu sein. Wenn sich bereits am Vormittag Massen von Menschen im Koma-Saufen üben, bleibt kein Raum mehr für politische Botschaften. Der Alkohol dient nicht mehr der Geselligkeit, sondern als Betäubungsmittel gegen den eigenen Alltag.

  • Sinnentleerte Rituale: Während die Mottowagen der großen Züge noch versuchen, politische Akzente zu setzen, interessiert sich das feiernde Volk am Straßenrand oft nur noch für „Kamelle“ und den nächsten Kurzen. Der Protest ist zur bloßen Dekoration verkommen.


Kultur oder Zumutung? Die Exzesse der „Narrenfreiheit“

Unter dem Deckmantel der Tradition wird heute ein Verhalten toleriert, das an jedem anderen Tag des Jahres zu Recht auf Abscheu stoßen würde.

  1. Öffentlicher Raum als Kloake: Wildpinkeln, Müllberge aus Plastikbechern und Glasscherben säumen die Straßen. Die Freiheit des Narren endet dort, wo sie die Lebensqualität der Anwohner massiv beeinträchtigt.

  2. Aggression statt Schunkeln: Mit steigendem Pegel sinkt die Hemmschwelle. Was als fröhliches Feiern verkauft wird, endet immer häufiger in Pöbeleien und körperlichen Auseinandersetzungen. Die Polizei und Rettungskräfte müssen die Zeche für einen „Spaß“ zahlen, der außer Kontrolle geraten ist.

  3. Kommerz-Terror: Karneval ist heute ein Milliardengeschäft. Von überteuerten Kostümen aus Fernost bis hin zu exklusiven Sitzungstickets – die Branche melkt die „Jecken“, solange der Rubel rollt. Echte Spontaneität wurde durch durchgetaktete Event-Logistik ersetzt.


Zeit für eine Entgiftungskur

Der moderne Karneval braucht keine neuen Rekordschnapszahlen, sondern eine Rückbesinnung auf seine Wurzeln. Wenn die einzige Botschaft einer Veranstaltung darin besteht, dass man sich „einmal so richtig wegbeamen“ will, dann hat dieses Brauchtum seine Berechtigung verloren.

Wahrer Karneval muss unbequem sein. Er muss die Regierenden das Fürchten lehren, nicht die Stadtreinigung. Solange die Flasche das wichtigste Accessoire des Narren bleibt, ist der Karneval nichts anderes als ein trauriges Symbol für die geistige Leere einer Gesellschaft, die verlernt hat, laut und nüchtern gegen Missstände aufzubegehren.

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