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Marburgs Lahnberge-Wahnsinn

Gourmet-Tempel für Studenten, Wucher-Preise für Patienten

Marburg, die Stadt, die eigentlich eine Universität ist, leistet sich ein neues architektonisches Prestigeprojekt: Auf den Lahnbergen, direkt am Uniklinikum (UKGM), soll eine zusätzliche, moderne „Menseria“ entstehen. Während die Planer von moderner Campus-Kultur schwärmen, stellt sich für den Bürger und vor allem für die Patienten eine bittere Frage nach der sozialen Gerechtigkeit. In einem System, in dem die Universität ihre Standorte über die gesamte Stadt zersplittert, scheint Geld für Neubauten vorhanden zu sein – doch wer als Patient oder Angehöriger im Klinikum ein belegtes Brötchen kaufen möchte, landet in einer preislichen Abwärtsspirale.


Verwöhn-Programm für Studenten vs. Patienten-Wucher

Es ist eine Paradoxie, die kaum zu erklären ist: Nur wenige Meter von den geplanten subventionierten Töpfen der neuen Mensa entfernt, herrscht am Kiosk des Klinikums eine ganz andere Preislogik.

  • Subventionierte Idylle: Studenten genießen in den Mensen des Studierendenwerks Mahlzeiten zu Preisen, von denen der Normalbürger nur träumen kann. Der Neubau auf den Lahnbergen soll diesen Standard nun noch weiter zementieren.

  • Der Kiosk des Grauens: Patienten, oft in körperlicher und finanzieller Not, sowie ihre Angehörigen werden am klinikeigenen Kiosk zur Kasse gebeten. Die Preise für einfache Snacks, Zeitschriften oder Getränke sind dort absurd hoch und grenzen an Wucher. Es entsteht das Bild einer Zwei-Klassen-Gesellschaft direkt auf dem Klinikgelände: Hier der günstig verpflegte Nachwuchsakademiker, dort der zahlende, kranke Bittsteller.


Campus-Chaos: Die zersplitterte Universität

Die Planung der neuen Mensa offenbart zudem ein strukturelles Problem der Philipps-Universität: Die extreme Zersplitterung über das gesamte Stadtgebiet.

  • Viel Lauferei, wenig Effizienz: Von der Biegenstraße bis hoch auf die Lahnberge – Marburgs Uni ist ein Flickenteppich aus über 120 Gebäuden an 14 Standorten. Diese Verteilung sorgt für einen enormen Pendelverkehr und logistischen Wahnsinn.

  • Investitionen am falschen Ende? Statt die Standorte sinnvoll zu konsolidieren oder die bestehende Infrastruktur für alle Bürger (inklusive Patienten) zugänglicher zu machen, wird mit der neuen Menseria ein weiterer isolierter Versorgungspunkt geschaffen, der primär einer Zielgruppe dient.


Die elektronische Sackgasse: Wo bleibt der Service?

Auch bei der Bezahlung und Organisation in den Mensen zeigt sich: Die viel gepriesene Digitalisierung steckt oft noch in den Kinderschuhen.

  • Technik-Frust statt Zeitersparnis: Komplizierte Bezahlsysteme und fehleranfällige Terminals führen oft zu längeren Wartezeiten als der eigentliche Kochvorgang.

  • Plädoyer für das Analoge: Gerade in einer Umgebung, in der auch ältere Menschen oder fachfremde Besucher unterwegs sind, darf die Papierform und Barzahlung nicht verteufelt werden. Service bedeutet, dem Menschen entgegenzukommen, statt ihn in digitale Zwänge zu pressen.


Mehr Blick für das Ganze gefordert

Der Neubau der Menseria auf den Lahnbergen mag für die Uni-Statistik ein Gewinn sein, für das soziale Klima am Standort UKGM ist er ein zweifelhaftes Signal. Wenn Studenten verwöhnt werden, während Patienten am Kiosk „ausgenommen“ werden, stimmt die moralische Kompassnadel nicht mehr. Marburg braucht eine Infrastruktur, die alle Menschen mitnimmt – und keine exklusiven Wohlfühloasen inmitten einer maroden Versorgungslandschaft.

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